Vorbereitungen

Wie bei den meisten Arbeitnehmern liegt bei uns am Beginn des neuen Jahres die Jahresurlaubsplanung an. Es ergab sich, dass unser Segelurlaub 2014 wohl im zeitigen Frühjahr stattfinden wird, genauer gesagt nach Ostern. Blieb nur noch die Frage, wohin. Ein zufälliger Fernsehbericht über dick eingepackte Segler, die unter bleigrauem Himmel durch den holländischen Frühlingsregen schippern, lässt uns von nördlichen Zielen Abstand nehmen. Etwa zur selben Zeit kommt mir ein Yacht-Heft mit einem Törnbericht auf dem Balaton in die Finger. Die Fotos von in der Sonne dösenden oder neben ihrem Boot planschenden Seglern gefallen mir da schon wesentlich besser.

Die allgemeinen Informationen zum Plattensee sind schnell gefunden. Es ist der größte Binnensee Mitteleuropas und etwa 10% größer als der Bodensee. Er liegt in der pannonischen Klimazone, d. h. im Vergleich mit dem atlantisch geprägten deutschen Klima ist es eher warm und trocken. Der windreichste Monat ist der April. Gut zu wissen, denn außer in Hafennähe darf der Motor nicht benutzt werden. Ein ausreichendes Maß an Sehenswürdigkeiten und Wandermöglichkeiten ist auch vorhanden.

Schwieriger wird da schon die praktische Planung. Zumal im Yacht-Bericht erwähnt wurde, dass es nicht so ganz einfach ist, sein Boot ins Wasser zu bringen. In einem älteren Hansenautic-Katalog finde ich den einzigen deutschsprachigen Revierführer. Er ist allerdings aus dem Jahr 1996 und inzwischen in Deutschland nicht mehr erhältlich. Jedoch bei einer österreichischen Internet-Buchhandlung werde ich fündig. Außerdem fördert das Internet noch einen sehr informativen Törnbericht von Hans-Josef Dolenec von 2010 zutage. Eine genauere Internetrecherche der Gegebenheiten vor Ort scheitert an der Sprachbarriere. Glücklicherweise gibt es in der Budapester Niederlassung meines Arbeitgebers hilfsbereite Kollegen. Es sind zwar selbst keine aktiven Segler, aber sie sie können mir die Kontaktadresse für den passenden Ausgangshafen vermitteln und eine nur in Ungarn erhältliche, kombinierte See- und Wanderkarte besorgen.

Auf weitere praktische Details gehe ich hier nicht ein, da sie in einem kleinen Abriss in unserer Teufelspost zusammengefasst sind.

 

Anreise

Am Ostersonntag fahren wir los. Wir haben unsere Zweifel, ob das Einwassern per Autokran am Feiertag stattfinden kann und planen ein passendes Alternativprogramm ein. Bei unserer Ankunft in Keszthely am frühen Montagvormittag machen wir den Krantermin auf Dienstag 0800 fest. Bis Mittag stellen wir den Mast auf, machen sonst alles fertig und richten uns häuslich ein. Den Nachmittag verbringen wir im nahen Thermalbad Heviz. Die Badeanstalt ist direkt in den mehrere Hektar großen, natürlichen Thermalsee hinein gebaut. Das mineralisch-schwefelige Quellwasser hat etwa 30°C und sprudelt so ergiebig, dass das Seevolumen innerhalb von drei Tagen komplett ersetzt wird. Danach noch Sightseeing und Abendessen in Keszthely, der „Perle des Balaton“.

 

Heviz

 

Segeln

Dienstag: Der Kranführer ist superpünktlich. Wir haben gerade das Frühstücksgeschirr abgespült, als der Kranwagen eintrifft. Um 0800 hängt das Boot am Haken und um kurz vor 0930 laufen wir aus. Unsere Planung sieht vor, von unserem Ausgangspunkt am Westende drei Tage in Richtung Osten zu fahren und damit für den Rückweg etwa die doppelte Zeit zur Verfügung zu haben. Auf diese Weise dürfte trotz Motorverbot kein Stress aufkommen. Den Vormittag über weiß der Wind nicht so recht, was er will und es geht nur gemächlich voran. Dann entwickelt sich ein angenehmer, beständiger SW-Wind, der uns bis zum Feierabend nach Revfülöp bringt. Schiffsanleger und Bootshafen sind noch im Winterschlaf und wir sind das einzige Boot. Aber zwei größere Imbissbuden in der Nähe haben wenigstens geöffnet, so dass nach einem ausgedehnten Spaziergang zu einem nahen Aussichtsturm das Abendessen gesichert ist.

 

Einkranen in Keszthely

 

Mittwoch: Am Morgen weht der Wind zwar schwach, aber brauchbar. Leider lässt er während des Vormittags mehr und mehr nach und es bleibt den Tag über mit kurzen Unterbrechungen sehr ruhig. Wir machen zwar immer ein wenig Fahrt, aber selbst mit einer wahrscheinlich kommenden Abendbrise würde es sehr spät werden, bis wir an unserem Tagesziel Tihany ankommen würden. Deshalb steuern wir lieber Balatonföldvar an, den letzten Hafen am Südufer vor der Enge an der Halbinsel. Der Yachthafen ist sehr groß, aber wir sind das einzige Gästeboot und auch sonst regt sich nicht viel. Außer den unvermeidlichen Anglern werkeln nur noch ein paar Leute an Ihren Booten, die aber auch nach und nach ihr Werkzeug zusammenpacken. Der Ort selbst, oder was wir davon finden, macht wenig her und dämmert der kurzen Sommersaison entgegen. Wir finden einen geöffneten Supermarkt und am Hafen eine Gaststätte.

 

An Backbord das Nordufer mit dem Tafelberg von Badacsony

 

Donnerstag: Bei gutem Wind aus N kreuzen wir nach Tihany und sind vormittags dort. In der Engestelle fehlen zwar die in der Karte verzeichneten Tonnen, aber man braucht sich nur etwa im nördlichen Drittel der Seebreite zu halten, dann ist alles ok. Die Besichtigung der Klosterkirche und eine Wanderung über die Halbinsel füllen den Tag gut aus. Bei dieser geschichtsträchtigen und wohl bekanntesten Sehenswürdigkeit am Balaton stellt sich durch ein paar Reisebusladungen mit Besuchern zumindest eine leichte Ahnung vom Tourismusrummel der Feriensaison ein.

 

Das Kloster von Tihany

 

Blick von Tihany aus auf den Ostteil des Balaton

 

Freitag: Durch die Enge geht es wieder zurück in den Westteil des Sees. Die mit einem kurzen Gewitter am Vorabend eingetretene Wetteränderung bringt für uns raumen Wind, aber auch während des Vormittags leichten Regen. Wir fahren bis Abrahamhegy, in den Yachthafen des Segelvereins. Zusammen mit dem Hafenmeister sind noch einige Segler am Basteln und Einkranen. Leider sprechen alle nur ungarisch. Der Hafenmeister bedeutet uns, dass die Hafensaison noch nicht eröffnet sei und wir könnten daher umsonst anlegen und drückt uns gleich einen Torschlüssel fürs Vereinsgelände in die Hand. Das gastronomische Angebot des Orts überzeugt uns nicht bzw. wir finden keines. Also kaufen wir bei einem Bauern Wein und kochen nach der Nachmittagswanderung ins Dorf Salföld am Rand der Kali-Senke heute selbst.

 

Auf dem westlichen Seeteil

 

Im Hafen von Abrahamhegy

 

Samstag: Wind ungefähr von hinten, rechts die Vulkanberge des Nordufers. Damit der Schlag nicht zu kurz wird segeln wir an Badacsony vorbei nach Szigliget. Ein sehr gepflegter Hafen in ebenso ansprechender Umgebung empfängt uns. Keine Budengassen, wie in vielen anderen Orten, sondern Dorfstraßen und unauffällige Ferienhäuser, alles um ein paar Vulkanüberreste rum inmitten eines Naturschutzgebiets gelegen. Darüber thront noch die Burg auf dem Varhegy, die zwar nie von den Türken eingenommen wurde, aber trotzdem inzwischen eine Ruine ist.

 

Weinberg in Szigliget

 

Schilfgürtel im Naturschutzgebiet

 

Sonntag: Damit wir nicht zu schnell an unserem Ziel Badacsony ankommen, segeln wir zuerst rüber ans Südufer nach Fonyod und schauen uns den dortigen Hafen an. Dieser ist durch seine lange Einfahrt sehr gut geschützt. Leider wird das etwa dreieckige Hafenbecken auf einer Seite von der unvermeidlichen Zeile mit Andenken- und Ausschankbuden und auf einer anderen vom Bahnhofsgelände gesäumt. Aber wir wollten ja sowieso wieder rüber auf die Nordseite. Dort verbringen wir den Nachmittag mit einer ausgiebigen und schweißtreibenden Wanderung auf und um den Tafelberg von Badacsony. Die Ausblicke auf den See und ins Hinterland sind phantastisch. Es war uns gar nicht bewusst, wie stark die Gegend am Nordufer des Balaton durch die Vulkanberge geprägt ist. Sie erinnert stark an den Hegau bei uns in Süddeutschland, sogar die Höhe der Basaltkegel über dem Umland ist ähnlich. Nur wurden im Hegau die umgebenden, weichen Gesteinsschichten von Gletschern weggeschmirgelt und hier geschah dies durch Winderosion.

 

Blick vom Tafelberg in Richtung Fonyod

 

Lavatuff und Basalt

Abendstimmung im Hafen von Badacsony

 

Montag: Im Revierführer lesen wir, dass es in Balatonmariafürdö einen Segelklub geben soll, der einen schönen Hafen in einer Flussmündung betreibt. Da müssen wir als alte Flussschiffer natürlich hin. Da es nicht weit ist, überlegen wir schon, was wir am Nachmittag unternehmen könnten. Vielleicht zur Abwechslung Zugfahren? Jedoch je mehr es auf Mittag zugeht, umso eindeutiger sagt der Wind: Bade- und Mittagspause. So kommen wir also erst nachmittags in Balatonmariafürdö an. Es ist wirklich ein sehr schöner und gepflegter Vereinshafen, eher klein, ganz nach unserem Geschmack. Die Ortschaft besteht auch nicht nur aus geschlossenen und vernagelten Ferienhäusern und Buden, sondern ist offenbar auch außerhalb der Saison zumindest zu einem guten Teil belebt.

 

Badepause

 

Der Flusshafen von Balatonmariafürdö

 

Dienstag: Schon in der Nacht beginnt es heftig in den Bäumen zu rauschen. Ein kurzer Morgenspaziergang vor auf die Mole bestätigt uns, dass wir heute zum ersten Mal in diesem Urlaub ein Reff brauchen werden. Es bleibt die halbe Wegstrecke drin, dann lässt der Wind nach. Auf diese Weise erreichen wir unerwartet früh am Vormittag wieder in unserem Heimathafen Keszthely. Der Auskrantermin lässt sich problemlos vom geplanten Mittwoch auf Dienstag 1600 vorziehen. Wir bauen in aller Ruhe ab und verstauen alles. Unser Mast liegt ja unter dem Rumpf auf dem Trailer, so dass nur noch das Boot selbst fehlt. Die restliche Zeit verbringen wir mit Mittagspause und dem Ausgeben der überzähligen Forint bei Obi (Hochdruckreinigershampoo) und Spar (Wein und Salami). Fünf Minuten vor der Ankunft des Kranwagens sind wir wieder zurück im Hafen. Nach dem Verzurren noch Duschen, sowie Abschied vom Hafenmeister und den Liegeplatznachbarn, und kurz nach 1700 sind wir wieder „on the road“.

 

Peter Zweigle

 

 

 

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